Von Lars Schiffers
“The final Whistle” – Das letzte Spiel im “alten” Wembleystadion
Ausgangspunkt war diesmal der Flughafen in wunderschönen Hannover, wo mein Reisebegleiter Gockel und ich zu nachtschlafender Stunde, also so gegen 8 Uhr morgens, eintrafen. Den Fahrdienst teilten sich netterweise unsere Eltern. Stets vom mißtrauischen BGS und Zoll beäugt, bestiegen wir unseren Flieger gen London. Damit mein Rucksack auch als Handgepäck durchging, hatte ich unsere ca. 7 Meter lange Fanclub- Fahne auf die Größe von 2 Dosen Bier zusammengerollt, was mir bis dahin noch nie gelungen ist (Normalerweise muß ich für das Ding einen 2. Rucksack nehmen).
Da wir beide zum 1.Mal flogen (wie aufregend!), verging die Zeit im Flieger dank einiger Gratisbierchen und -Häppchen wie im Fluge. In London angekommen fuhren wir mit der Bahn bis zum Picadilly Circus, wo wir an der Touristeninformation erfuhren, daß das “günstigste” Zimmer 70 Pfund, also ca. 160-170 Mark kosten würde. Das überstieg unsere finanziellen Möglichkeiten dann doch geringfügig, und nach einigem blättern in seinem schlauen Buch, erfuhren wir, daß noch etwas für 45 Mark frei wäre. Wir müßten uns das Zimmer bloß noch mit 8 anderen teilen. Wir lehnten dankend ab, da wir eigentlich auch unser Gepäck dort lassen wollten. Ein Blick auf die Uhr verriet uns, daß der Anpfiff nahte und so machten wir uns auf den Weg zum Stadion, in der Hoffnung, irgendwo im Schließfach unser Gepäck lassen zu können. Diese Hoffnung zerschlug sich aber schnell, so daß wir mit vollgepackten Rucksäcken zum Stadion fuhren. In der U-Bahn versteckten wir erstmal unsere Schals und Trikots und versuchten möglichst wenig Deutsch zu sprechen, da die Bahn logischerweise rappelvoll mit Engländern war. Durch entsprechende Sprechchöre in Bahn und Bahnhof merkten wir dann, daß die Engländer nicht vorhatten, uns heute in ihr Herz zu schließen.
Der Einlaß ging sehr zügig von statten und man hielt es nicht mal für nötig, uns geschweige denn unsere Rucksäcke(!!!) zu kontrollieren! Angesichts eines so brisanten Spiels unglaublich, zumal gerade in England Anschläge von IRA und was weiß ich fast an der Tagesordnung sind. Bei jedem Regionalligaspiel wird man auseinandergenommen wie ein Schwerverbrecher und hier? Na ja, so konnten wir wenigstens ein paar Döschen mit reinnehmen. Das Aufhängen unserer Fahne wurde mir leider von ein paar Bobbies untersagt. Die Stimmung war schon eine Stunde vor Anpfiff super und sollte sich noch steigern. Es hagelte jedesmal ein noch nicht gehörtes Pfeifkonzert, wenn sich die ca. 8-10 000 Deutschen bemerkbar machten. Die Engländer waren doch recht “nachtragend”, denn bei Sprechchören wie ” Stand up, if you won the war… / … hate the Germans…” oder ” And we shot German bombers in the air…” imitierten sie mit ihren Armen Flugzeuge und machten entsprechende Geräusche. Wenn das das gesamte Stadion macht und sich dabei Richtung Deutschland-Block dreht, kommt doch richtige Derby – Stimmung auf. Wie sagte schon Obelix: “Die spinnen, die Briten!” Wir wurden vor dem Spiel und auf Handzettteln noch einmal darauf hingewiesen, daß jeder, der den Rasen nach dem Spiel betritt, sofort verhaftet wird. Während der Nationalhymnen hielten die jeweiligen Fans Papptafeln hoch, die als Gesamtbild dann die jeweilige Landesflagge ergaben, was sehr eindrucksvoll aussah. Die Stimmung war im gesamten Stadion auf dem Siedepunkt. Für mich die absolute Definition von “Atmosphäre”. Wir machten richtig Stimmung und die Engländer ebenso und vor allem superlaut, der echte Wahnsinn, zumal das Spiel auch sehr ansehnlich war. Nach dem Freistoßtor zum 1:0 brachen dann alle Dämme. Die Engländer wurden merklich leiser und wir immer lauter. Ich hätte nie gedacht, so eine Stimmung einmal bei (deutschen) Länderspielen zu sehen. In dem Siegestaumel nach Abpfiff trafen wir auch Pingel, Lachmann und ihre zwei Kumpels, mit denen wir uns verabredet hatten um noch einen zu trinken. Wir mußten jedoch nach Abpfiff noch eine Stunde im Stadion bleiben. Diese Zeit wurde mit Gesängen sehr gut überbrückt. Hier trat sich ein “Frankfurt-Ultra” hervor, der ganz alleine für 10 000 die mächtigsten “HUMBA”s anstimmte, die ich je gehört (und gesehen) habe. Ultralaut und mit coolem Echo im mittlerweile leeren Stadion. Selbst das ZDF war so fasziniert, daß sie es im Anschluß an die Übertragung brachten. Der arme Kerl wurde dann noch zum mit Sprechchören zum Strippen genötigt, was das Fernsehen aber ausblendete (zum Glück, bei der Plautze von dem Typen…). Die berittenen Bobbys hatten die Lage jederzeit im Griff, so daß wir sicher zum Bahnhof geleitet wurden. In der Stadt nutzten wir dann das beliebte “all you can eat”-Menü bei Pan-Pizza, wobei einige Mitstreiter dies sehr wörtlich nahmen.
Unterwegs in den Geschäften entdeckten wir noch einige wunderliche Dinge, wie zum Beispiel ein “Adolf-Hitler-European-Tour” -T-Shirt, total krank, sowas. Unsere anschließende Zimmersuche gestaltete sich dann etwas erfolglos und ich sah mich schon im Hyde-Park auf einer Parkbank schlafen, als unsere Mitstreiter uns anboten, bei ihnen im Zimmer zu übernachten, was wir dankbar annahmen ( An dieser Stelle noch mal 1000 Dank, wir revanchieren uns mal im Number ) . Einzige Bedingung war, daß ich mein Trikot ausziehe und mich nicht mit meiner Fahne zudecke, da Dennis und Stefan als eingefleischte BTSVer Alpträume befürchteten. Die Träume wurden auf dem Zimmer jedoch noch mit Warsteiner und Baccardi versüßt. Da am nächsten Morgen ihr Flieger sehr zeitig ging, mußten wir als illegale Hotelgäste auch schon früher raus, so daß wir schon gegen 6 Uhr morgens zum Sightseeing aufbrachen. Dies erwies sich als Vorteil, da Sonntags um diese Zeit kaum Touris unterwegs sind, und wir so die Sehenswürdigkeiten fast für uns alleine hatten. Als es dann auf den Straßen immer voller wurde, frühstückten wir erstmal bei McD. Wir gingen noch ein bißchen durch die Läden, bevor wir zum Flughafen aufbrachen. Von unserem restlichen Kleingeld kauften wir uns noch englische Skandalblätter , die den Rücktritt des Teamchefs breittraten. So gegen 20 Uhr landeten wir wieder in unserer Landeshauptstadt und wurden von dort pünktlich abgeholt.
Als Fazit bleibt eine absolut geniale Reise, die zwar (etwas zu) teuer war, aber für immer in Erinnerung bleiben wird, alleine durch die beste Stadionatmosphäre, die ich je erlebt habe. Während ich diese Zeilen schreibe, naht der graue Bundesligaalltag in Form eines “etwas” weniger Stimmungs- vollen Heimspiels gegen Energie Cottbus…