Von Lars Schiffers
Freitag, 19.06.98
Los gings um 2 Uhr als ich (Lars S.) Rollo, Gockel und Lars W. abholte. Unser VW Golf hatte einen sagenhaften Tiefgang, da er mit 4 Leuten, 3 Kühltaschen voller Pils und dem üblichen Kram ziemlich überladen war. Meine Verpflegung mußte ich kurzfristig umsatteln (von Hasse-Halben zu Holsten-Bleifrei), da ich wegen irgendwelchen Pillen nix trinken durfte.
Nach sage und schreibe 4 1/2 Stunden Fahrzeit (!) waren wir schon in Aachen, wo wir uns auf der Suche nach der letzten Tanke vor der Grenze erstmal kräftig verfuhren. Als wir zuvor bei Bielefeld ‘nen Fahrerwechsel machten und ich dem Fahrer (Gockel) Order gab, die Heckscheibenheizung einzuschalten, konnten wir uns erstmal 150 km über die Lichthupen der hinter uns fahrenden wundern, eh wir feststellten, daß statt der Heizung die Nebelschlußleuchte eingeschaltet war. Danach noch 250 km ekelgelbes belgisches Autobahnlicht und schon warn’ wir an der Grenze. Irgendwie trafen wir jedoch in Belgien und Frankreich mehr Deutsche als Eingeborene. Richtig verarscht kam ich mir aber vor, als ich in einer belgischen Tanke vom Tankwart ungefragt den Weg nach Hamburg (?) beschrieben bekam (kann natürlich auch an meinem HSV-Trikot und an meinem “Moin Moin” – Gruß gelegen haben). An der erstbesten Raststätte in Franzland machten Rollo und ich uns auf den Weg, eine brauchbare Straßenkarte zu besorgen.
Eine geschlagene Viertelstunde mußten wir dem französisch sprechenden Tankwart begreiflich machen, was wir wollten, bis er uns dann eine Straßenkarte schenkte, um uns “ganz nebenbei” noch eine andere Karte anzudrehen. Innerlich schien sich der Knabe aber über unser unkoordiniertes Französisch zu amüsieren.
In Lens angekommen beschlich uns das Gefühl, in der Zone gelandet zu sein, was den 1. Eindruck von der Stadt und die Fahrkünste der Einwohner betraf. So gegen 7 Uhr hatten wir dann auch einen vereinsamten Zeltplatz gefunden, wo wir erstmal ohne uns anzumelden unser Zelt aufschlugen und unseren (Geschwindigkeits-)Rausch ausschliefen.
Samstag 20.06.98
Nach einem erholsamen Schläfchen gings erstmal in die Innenstadt von Lens. Viele Einheimische freuten sich über mein VfL-Trikot, was wohl eher am großen VW-Zeichen als am VfL-Emblem lag. Als erstes wurde das “Stade Felix Bollaert” ausfindig gemacht, damit wir am Spieltag auch wissen, wo wir hinmüssen. Dort trafen wir auch noch einige andere Deutsche, von denen einer meinte, am Tag vor dem Spiel über den Stadionzaun klettern zu müssen, was ihm bestimmt nicht gerade die Sympathien der massig ‘rumlaufenden Bullen einbrachte. Der Kumpel von dem Typ wollte es ihm gleichtun, jedoch kam die fette Sau nicht über den Zaun, so daß er die Lacher der Passanten auf seiner Seite hatte.
Auf dem Stadionvorplatz war ein riesiges gut bewachtes VIP-Zelt errichtet worden und fast überall hatte man den Eindruck, daß man als “normaler” Fan von offizieller Seite nicht sonderlich erwünscht ist. Auch einige Franzosen hegten wohl nicht gerade Sympathien für uns, denn hier und da wurde (fast wie in der Werbung) mit dem Finger auf uns gezeigt und getuschelt (“Les Allemands ?” – “Oui,Oui !”). Am Bahnhof stand ein Fan-Mobil, an dem sich doch einige Fans versammelt hatten. Die meisten waren ohne Karte angereist und waren ziemlich verärgert über die hohen Schwarzmarktpreise von 500 DM aufwärts. Auf Nachfrage zeigten wir ihnen unsere Eintrittskarten, damit sie keine Fälschungen kaufen und wissen, wie die Dinger überhaupt aussehen. Das Fan-Mobil war wohl mehr als Treffpunkt gedacht. Man konnte zwar Kistenweise Info-Material bekommen, aber sonst ?
Zurück auf dem Zeltplatz stellten wir fest, daß immer mehr von unseren Landsleuten eintrafen. Nachdem wir uns in Supermärkten noch mit Halben für den Spieltag eingedeckt hatten, irrten wir durch unseren Urlaubsort bis wir eine Kneipe fanden, in der man Fußball gucken konnte. Wir guckten Fußball, Gockel und Lars W. bestellten sich eine überraschend gut schmeckende Brause, während Rollo und ich es riskierten, eine der einheimischen Biersorten anzutesten. Man nehme zu gleichen Teilen Hansapils, Altbier und Hefeweizen, schütte es in ein Bierglas, noch einen Teelöffel Spülfix für den Schaum ‘rein und fertig ist das “Ackerland Biere”, Chemo-Brühe für umgerechnet 4 Mark/0,25l. UUAAARGH !
Rollo bekam noch ein Bierglas von der Bedienung geschenkt und so trollten wir uns wieder auf den Zeltplatz, um fürs morgige Spiel fit zu sein.
Sonntag, 21.06.98
Kurz vor 7 klingelt mein Wecker, den ich mir gestellt hatte, um die einzige (!) Duschkabine des ganzen Zeltplatzes zu ergattern. Nach intensiver Benutzung der Sanitäranlagen merkte Rollo, daß er seinen Föhn vergessen hat. Also beginnt er Passanten anzuschnorren. Da diese aber genau wie die Möchtegern-Skinheads nebenan alle kaum Haare auf dem Kopf haben, sind diese Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt. Weil unsere minderbemittelten Zeltnachbarn die halbe Nacht den Zeltplatz mit Störkraft & Co beschallt haben ist ihre Autobatterie leer und trotz unseres Überbrückungskabels kriegen sie’s nicht hin.
Gegen 10.30 fahren wir nach Lens und finden in einer Seitenstraße sogar einen Parkplatz in Stadionnähe. Die ganze Stadt ist voller Deutscher und viele von ihnen suchen noch Karten. 3 Stunden vor dem Spiel liegen die Preise noch bei 800-500 Mark. An fast allen öffentlichen Plätzen hängen Fahnen von deutschen Fans, wie z.B. von Saschsen Leibzig, Schalke, der “Koma-Kollone” und vielen anderen.
2 1/2 Stunden vor Spielbeginn fanden wir uns im Stadion ein. Direkt vorm Stadion hatte man mehr den Eindruck auf der CeBIT zu sein, als bei der WM. Statt Fanartikeln gab es vor dem Stadion Computer, Drucker, Fotoapparate, Telefone und ähnliches zu kaufen.
Kaum waren die Stadiontore offen, lief ich hinein, damit ich unsere Fan-Club-Fahne gut aufhängen konnte, wurde aber gleich von Polizisten aufgehalten. Nachdem ich die beiden überzeugen konnte, daß sich hinter den Wörtern “Ahmstorf Pirates” keine faschistische Aussage verbirgt, ließen sie mich passieren. So wie die mich abgetastet haben, hätte ich auch unbemerkt ‘nen 10er Träger Pils unter der Jacke haben können.
Die Stadionordner waren voll in Ordnung und sie halfen mir, einen geeigneten Platz zu finden, um die Fahne aufzuhängen. Irgendwie kratze es dann aber in der Kehle. Die Organisatoren scheinen aber keine Ahnung von den finanziellen Möglichkeiten eines Fußballfans zu haben. Ca. 7 Mark für ein alkoholfreies Bier, welches man dann nicht mal auf der Tribüne trinken durfte (!), ein Toastbrot mit Käse für 7 Mark und ein Snickers für 6 Mark waren jedoch arg überteuert. Ich nahm also wieder meinen Platz ein und so langsam füllte sich das Stadion.
Die ca. 5000 Jugos machten für ihre relativ kleine Anzahl ganzschön Rabatz, doch spätestens nach den ersten “Deutschland”-Rufen stand fest, daß die Bude fest in deutscher Hand war. Bei Spielbeginn war dann eine astreine Stimmung, die dann aber nach ca. 30 min durch die luschige Einstellung unserer “Nationalspieler” (hier taten sich besonders die Herren Heinrich, Hamann und Ziege hervor) und das folgerichtige 0:1 total abebbte.
Zur Halbzeit gabs dann ein gellendes Pfeifkonzert und die lautstarke Aufforderung, Lothar Matthäus einzuwechseln. Erleichterung, als sich dieser in der Halbzeit dann warmlief und in der 2. Hälfte eingewechselt wurde. Als die Jugos dann, nachdem sie zum 12. Mal mit dem gleichen Trick unsere Abwehr ausgehebelt hatten, zum 2:0 einlochten, war endgültig Totenstille. Daß die “Jugo”-Fans dann “ihr könnt nach Hause fahren” sangen, ließ einige Rückschlüsse über ihre wirkliche Herkunft zu.
Was soll man noch sagen ? Zum Ende der 2. Halbzeit hatten wenigstens Tarnat und Bierhoff kapiert, daß “das Runde in das Eckige muß”. Hätte Berti den 9 anderen vielleicht noch mal in der Halbzeitpause erzählen sollen. Richtig geile Stimmung kam nach dem 2:2 in den letzten 10 Minuten auf, als nochmal Hoffnungen auf einen Sieg aufflammten.
Nach dem Spiel fuhren wir erstmal zum Campingplatz, um den weiteren Tagesverlauf zu planen. Dort machte ich jedoch die Erfahrung, daß die Kombination “0.3l Pils + 1 Pille gegen Zahnschmerzen” höllisch wegkickt, so daß ich die nächsten 12 (!) Stunden nicht zu gebrauchen war. Die anderen tranken noch einen und schossen ein paar Fotos von mir im Delirium und so ging auch dieser Tag zu Ende.
Spruch des Tages von Lars W. vor dem Freistoß von Tarnat zum 1:2 : “Entweder krieg’ ich den Ball hier auf der Tribüne in die Fresse oder er geht ‘rein !”
Montag, 22.06.98
Aus dem Schönheitsschlaf erwacht, wunderten wir uns morgens, warum uns (durch Trikots erkennbare) Deutsche keiner mehr grüßt. Als mir meine Mutter telefonisch den Grund sagte war alles klar: Ein paar Flachzangen konnten mal wieder Fußball und Selbstverteidigungskurs nicht auseinander halten. Einerseits absehbar, bei dem Gesindel, was vor dem Spiel in der Innenstadt abhing, andererseits echt schade, weil die Deutschen in den Tagen zuvor in Lens eine recht gute Visitenkarte abgegeben hatten. Wir haben zum Glück nix von den Krawallen mitgekriegt, weil wir unser Auto genau in der anderen Richtung vom Stadion abgestellt hatten und gleich nach dem Spiel abgehauen sind.
Wir deckten uns noch mit Freßkrams bei Aldi ein und machten uns wieder auf den Weg in die Heimat. Ging eigentlich ganz flott, nur bei Braunschweig (wo sonst ?) gabs natürlich wieder Stau. Alles in allem aber ein geiles Erlebnis gewesen und bestimmt DAS Highlight, seit ich Fußballfan bin !